Die Entwickelung des Backsteinbaues in geschichtlicher Beziehung.

WEITER   ZURÜCK

d. Der Backsteinbau im früheren Mittelalter.

Während das römische Reich in den ersten Jahrhunderten nach Christo immer mehr und mehr verwitterte und zerbröckelte, sank auch die Kunstthätigkeit und Kunstfertigkeit in demselben von Stufe zu Stufe, bis unter den Keulenschlägen der germanischen Barbarenhorden die alte Ordnung gänzlich in Trümmer stürzte. Tiefes Dunkel bedeckte nun das gesammte Culturleben auf Jahrhunderte hinaus, dennoch aber brach nicht vollständige Nacht herein. Wie ein milder Mondenschein ergoß sich über die Gemüther der Barbaren der sittigende Hauch des Christenthums und ein neues Erwachen der Cultur wie der Kunst dämmerte allmählig auf. — So im Abendlande; — im Oriente nahmen die Ereignisse einen verhältnißmäßig milderen Verlauf: auch unter den blutigsten Völkerkämpfen und Städteverwüstungen erlosch die Fackel der Kunst nicht völlig. — Das neupersische Reich der Sassaniden, welches sich auf den Trümmern der parthischen und römischen Herrschaft erhob, erzeugte ein neues Aufleben der Kunst, eine neue Blüthe der Architektur besonders, welche, von altpersischen Traditionen ausgehend, von griechisch-römischer Kunst beeinflußt, wiederum gewaltige Werke, Paläste und Städte schuf. — Freilich waren es größtentheils nur Massenbauten, zu denen wiederum vorzugsweise der Ziegel als Material diente, sie entbehren der feineren Formendurchbildung durchaus, sind aber constructiv sehr merkwürdig durch die fast ausschließlich angewendete Gewölbeüberdeckung, tonnen- und kuppeiförmig, aber nicht im Halbkreise gebildet, sondern elliptisch oder parabolisch überhöht; auch die Zwickelwölbung zur Ueberführung aus dem quadratischen Raume in die runde Kuppel findet sich hier bereits vielfach vor. Diese sassanidische Kunst übt dann weiterhin bedeutsamen Einfluß auf die Formen der byzantinisch-christlichen Kunst, in welcher ebenfalls der Kuppelbau vorherrschend auftritt. — Zur Herstellung der Wölbungen kamen vorzugsweise der Backstein und die hohlen Töpfe in Anwendung. Auf der anderen Seite erwächst aus der Architektur der Sassanidenzeit einige Jahrhunderte später der wunderlich-phantastische Baustyl des Islam. — Auch die Araber bedienten sich mit Vorliebe des Backsteins, der in seinen kleinen Formen dem Linienspiel ihrer Flächenarchitektur sich ganz besonders gut anpaßte. — Die altorientalischen Glasuren-Mosaiken erwachten zu neuem Leben und wurden zu einem hohen Grade der Vollkommenheit gebracht. Wir finden arabische Thon-Glasuren, so eigenthümlich in Masse und Färbungen, daß vor ihnen die heutige fortgeschrittene Technik beschämt die Augen niederschlagen muß.

Unterdessen schien im Abendlande alle Kunstübung durch die vernichtende Völkerwanderung zu Grabe getragen. — Die kunstgeübten Eingeborenen Italiens waren ausgestorben oder entnervt und keines höheren Aufschwunges fähig, ihre Phantasie hatte alle Kraft verloren. — Die germanischen Einwanderer in der Vollkraft ihrer jugendlichen Lebenslust erfreuten sich an Kämpfen und Fehden, sie fanden zunächst nur Freude am Zerstören, wie übermüthige Knaben — für Kunst und ideale Gestaltung hatten sie keinen Sinn, zu tief schlummerte in ihnen noch der Keim des Idealismus, welcher sie in späteren Jahrhunderten zu so staunenswürdigen Leistungen befähigen sollte.

Dennoch aber vererbte sich ganz still und verborgen in den ärmlichsten Hütten Italiens von Geschlecht zu Geschlecht ein feiner Sinn für schöne Form, aus der naturfreudigen Götterzeit des Alterthums stammend, durch die trüben Jahrhunderte der kirchlichen Ascese und des freudelosen mittelalterlichen Mönchslebens hindurch, ein unscheinbar glimmender Funke, an welchem sich später ein neues, weitstrahlendes und erwärmendes Feuer der Kunst, ein neuer Cultus der Schönheit entzünden sollte. Wenn fast alle Spuren antiken Lebens vernichtet schienen: so erhielt sich doch in der Töpferei wie in verschiedenen Metallarbeiten der Sinn für schöne Form und blieb unzerstörbares Eigenthum des Volkes. — Noch heute müssen wir die zierlichen, eleganten Formen der zum gewöhnlichsten Hausgebrauche bestimmten Thongefäße bewundern, welche auf jedem Markte der kleinen italienischen Städte feilgeboten werden.

Als die Völkerwogen sich einigermaaßen beruhigten und geordnetere Zustände eintraten, da erwachte auch in den urkräftigen, jugendfrischen germanischen Stämmen mehr und mehr das Verständniß für bildende Kunst. Ihrem Bedürfnisse, welches in der Jugendzeit eines Volkes vorzugsweise auf das Erhabene geht, entsprach am meisten diejenige Kunst, welche diesen Sinn vorzugsweise zu befriedigen vermag, die Architektur. — Zuerst geschah dies in den Gegenden, wo die Anlehnung an die vorgefundenen Zustände einer älteren, hohen, wenn auch an sich nicht mehr lebensfähigen Cultur die ersten Blüthen einer neuen Staats- und Gesellschaftsordnung zeitigte, — wo gleichzeitig der Anblick der wenn auch verstümmelten, so doch noch aufrecht stehenden großartigen Bauwerke alter Zeit der schaffenden Phantasie Richtung und Nahrung gab, in Italien. — Zu den Kirchen, welche neu errichtet wurden, plünderte und beraubte, zerstörte man die alten, verlassenen Paläste und Thermen, Theater und Tempel. — Daß man sich zur Herstellung des Massenmauerwerks der Ziegel bediente, wo dieser leichter zu beschaffen war, als andere Steine, ist selbstverständlich, — aber man überzog die Ziegelflächen mit Mörtel oder verblendete sie mit Steinplatten. —

Erst nach Verlauf vieler Jahrhunderte bildete sich ein neuer und eigenthümlicher Backsteinstyl heraus, und entfaltete sich allmälig zu einer Eigenartigkeit und Selbständigkeit, welche zu bedeutenden Resultaten für die Entwickelung der neueren Architektur geführt hat. — Bevor indessen diese Einflüsse einer weiteren Betrachtung unterzogen werden, erscheint es angemessen, den Blick weiter nordwärts zu wenden, wo sich mittlerweile eines der bedeutsamsten Ereignisse der Kunstgeschichte vollzog, die Entwickelung und Ausbildung des gothischen Styles.

Die Entwickelung des Backsteinbaues in geschichtlicher Beziehung.

WEITER   ZURÜCK

e. Die gothische Ziegelarchitektur.

Betrachten wir das Verhalten der gothischen Bauweise zur Verwendung des Backsteines näher, so muß zunächst hervorgehoben werden, daß die Bauformen des romanischen wie des gothischen Styles sich unter der unmittelbaren und alleinigen Herrschaft des Hausteines entwickelten. — So wohl Frankreich als Deutschland besitzen einen so weit verbreiteten Reichthum an brauchbaren, wetterbeständigen, unschwer zu bearbeitenden Hausteinen, daß dieser allein für die Entwickelung der Architektur maaßgebend wurde. — Die Backsteingegenden Frankreichs sind zu wenig ausgedehnt, als daß sie bestimmend hätten einwirken können, und die nördlichen Ebenen Deutschlands, welche vollständig auf den Backsteinbau angewiesen waren, traten in weiterer Ausdehnung zu spät in das allgemeine Culturleben ein, um auf die Entwickelung des gothischen Styles noch Einfluß ausüben zu können. Es entstand daher dort wohl ein besonderer Backsteinstyl, aber zu einer Zeit, als die gothischen Bauformen bereits vollständig feststanden, ja bereits im Stadium der Ueberreife sich befanden. Es konnte die Backsteinarchitektur des nördlichen Deutschland daher nur noch fertige Formen aufnehmen, nachbilden, verändern, aber nichts Neues, Ursprüngliches mehr schaffen.

Während der antike Bau nach höchst einfachen Planschematen gestaltet war, und das weit vortretende Kranzgesims alle Bautheile wie mit einem schützenden Mantel überdeckte (eine Vorsicht, welche in dem milden Klima fast übertrieben scheint, und wohl mit der polychromen Behandlung der Außenarchitektur im Zusammenhange stand), sehen wir bei der Composition der nordisch-mittelalterlichen Kirchen ganz andere Principien befolgt. — Fast erscheint es wie Trotz gegen den nordischen Winter, daß in dem complicirteren Grundriß und Aufbau der romanischen Kirchen ein vielgestaltiger Complex niederer und höherer Dächer angewendet werden muß, um genügenden Wetterschutz zu erlangen. Die Kranzgesimse sind von geringer Ausladung, sie würden bei der bedeutenden Höhe des Baues ohnehin nur dem obersten Theile der Mauern nothdürftigen Schutz gegen den Anprall des Wetters gegeben haben. — Und nun gar das Strebepfeilersystem des gothischen Baues mit den verjüngten Reproductionen ihrer frei durchbrochenen Thurmgestaltungen! — Das Material dieser Bautheile mußte unter allen Umständen in sich selbst Festigkeit genug besitzen, um den arktischen Schnee- und Regenstürmen Trotz zu bieten. Hier konnte nur ein sehr wetterbeständiger Haustein Anwendung finden, Ziegel war für derartige Bildungen ausgeschlossen, aber nicht etwa deshalb, weil es unmöglich gewesen wäre, Ziegel ebenso wetterfest herzustellen, als Kalk- oder Sandstein, sondern weil man nicht die Mittel besaß, die kleinen Ziegel zu einem größeren, durchaus haltbaren Ganzen zu verbinden. —

Eine schwache Seite der Bauconstructionen im nördlichen Deutschland lag nämlich in der fast auschließlichen Anwendung des Kalk-Luft-Mörtels. — Nur in sehr beschränkten Gebieten (wie am Rhein) finden sich vulkanische Baumaterialien, welche die Bereitung eines rasch bindenden , zu großer Festigkeit erhärtenden Mörtels gestattet hätten. — Der gewöhnliche Kalkmörtel aber braucht Jahre, bis er genügende Festigkeit erlangt hat, um dem Froste genügend zu widerstehen. — Darum zeigt Mörtelbewurf auf den dem Wetter ausgesetzten Außenflächen selten lange Dauer, ebenso dringt die Zerstörung in die Mauerfugen so weit ein, bis diejenige Tiefe erreicht ist, in welcher der Mörtel vermöge des langsameren Austrocknens Zeit zur vollständigen Erhärtung gehabt hat. In Bezug auf den Mörtel verhält sich der Hausteinbau ganz anders, als der Ziegelbau. — Zwischen Werksteinen erlangt der Mörtel nicht seine volle Bedeutung als Bindemittel, wie bereits früher erwähnt, die einzelnen Blöcke können außerdem durch Dübel und Klammern zusammengehalten werden, durch deren Hülfe der Zusammenhang erhalten bleibt, auch wenn der Fugenmörtel großentheils ausgewittert ist. — Der Ziegelbau dagegen kann ohne den Mörtel nicht bestehen, er bedarf desselben als des einzig möglichen Verbindungsmittels der einzelnen Steine, welches bei der Kleinheit der einzelnen Ziegel durch Dübel, Klammern etc. nicht ersetzt werden kann. —

Daß man ferner über eine sehr mäßige Größe nicht nur der gewöhnlichen Mauersteine, sondern auch der besonders geformten Ziegel nicht hinaus ging, war wiederum durch äußere Verhältnisse bedingt. — Bei der Beschränktheit der Mittel, den Thon zu reinigen und durch zuarbeiten, bei der Unvollkommenheit der Brennöfen, bei der Schwierigkeit, größere Hohlkörper herzustellen und die Höhlungen gegen das Eindringen des Wassers und Frostes zu schützen, sah man sich darauf angewiesen, nur Vollsteine herzustellen und diese auf Dimensionen zu beschränken, welche die Maaße der gewöhnlichen Mauerziegel nicht bedeutend überschritten. — Aus solchen kleinen Steinen war es nicht möglich, weit ausladende Gesimse oder gar ganz freistehende, dem Wetter von allen Seiten ausgesetzte Bautheile, wie Fialen, Gallerien, Wimberge und Strebebögen herzustellen, ohne eine sehr schnelle und vollständige Zerstörung der ganzen Construction fürchten zu müssen. — Deshalb wurde es Princip der norddeutschen Ziegelbauten, alle weit vortretenden und freistehenden Architekturtheile zu vermeiden, und so viel als möglich Alles unter dem Wetterschutze des Daches zusammen zu halten. — Unter der Mitwirkung solcher Rücksichten entstanden die im nördlichen Deutschland so weit verbreiteten Hallenkirchen. In dem man die Seitenschiffe höher führte und mit dem Mittelschiffe unter dasselbe Dach barg, wurden die Strebebogen mit ihrer reichen Fialenausbildung beseitigt, es blieben nur einfache Strebepfeiler übrig, welche man meistens ebenfalls der Fialenbekrönung entkleidete, um sie mit einer schlichten Dachform abzuschließen oder gar unter dem vorgezogenen Hauptdache endigen zu lassen.

Die an den französischen Kathedralbauten so reich ausgebildeten Gallerien auf der Dachtraufe fallen im Ziegelbau ganz fort oder werden in die schwere, dem Festungsbau entlehnte Form der Zinne umgewandelt. — Auch die Gesimse und sonstigen Gliederungen sehen wir unter dem Banne des Ziegelformates in einer engen, strengen Gebundenheit. — Während der Haustein freie Bewegung gestattet, so daß Höhe und Ausladung der Gesimse nach freiem Ermessen des Architekten in Verhältniß zur Höhe der Stockwerke oder des ganzen Baues treten kann, während dabei das Verhältniß der einzelnen Glieder desselben Gesimses unter sich freier Gestaltung folgen darf, ist im Ziegelbau die gesammte Gesimsbildung von der Dicke der einzelnen Ziegel abhängig. — Die Gesimse werden daher in ihrer Gesammtgestaltung durch äußerst beengende Rücksichten auf die Construction beeinflußt, gerathen bald zu schwer, bald erscheinen sie verkümmert, immer aber bleiben sie auf geringe Ausladungen beschränkt. Aehnlich ergeht es den Fenster- und Thürleibungen. — An Stelle der freien Mannichfaltigkeit, welche der Hausteinbau hier gestattet, tritt die enge Gebundenheit an den Ziegelverband. — Die tief geschwungenen Hohlkehlen, welche die Fenster- und Portaleinfassungen in Haustein so kräftig und charaktervoll erscheinen lassen, die häufig auch mit Sculpturen gefüllt wurden, ließen sich im Ziegelbau nicht herstellen, die vielfach einschneidenden Fugen des Verbandes waren zu hinderlich. Die Hohlkehlen sind daher schmal und eng; zwischen ihnen wurden die Rund- und Rautenstäbe zwar ebenso geordnet, wie im Hausteinbau, aber sie waren in ihrer Dicke ebenso auf das Maaß der Ziegel beschränkt und es entstand somit ein ziemlich monotoner Wechsel zwischen schmalen Stäben und engen Hohlkehlen. — Meistens sind die Fensterleibungen aus dem einfachen Grundmotive der Abtreppung gebildet, auch wenn Stäbe und Kehlen abwechseln, häufig tritt die im Ziegelverbande leicht herstellbare Abtreppung auch ganz schmucklos auf und giebt dann eine zwar kräftig, aber doch auch wieder nüchtern wirkende Einfassung.

In der Bildung der Gesimse macht sich der Einfluß des Backsteinmaterials durch das Auftauchen einiger eigenthümlicher Motive bemerklich. — Durch Verschränken der Ziegel in sogenannten Stromschichten wird eine kräftige Licht- und Schattenwirkung erzielt; ebenso wie das Vorstrecken einzelner Ziegel in regelmäßigen Abständen eine dem antiken Zahnschnitte ähnliche Form ergibt. — Diese gestaltet sich bedeutsamer durch weitere mäßige Auskragung in übereinander liegenden Ziegelschichten, so daß ein kräftiges Consol entsteht. — Solche Kragsteine, in weiteren Abständen angebracht, werden dann aber nicht wie im Steinbau durch horizontale Platten überdeckt (solche giebt der Ziegel eben nicht her), sondern durch gowölbte Backsteinbogen mit einander verbunden, und es ist damit ein sehr wirkungsvolles, mannichfacher Weiterbildung fähiges Motiv gefunden. Die Bekrönung über der Bogenreihe bedarf dann nur einer einfachen Gliederung, um dem Gesimse einen kräftigen Abschluß zu geben. An Stelle der Bogen über den Kragsteinen trat später eine mehr spielende Decoration, schräg gestellte und verschränkte, wenig ausladende Ziegelreihen, friesartig zu Mustern geordnet. — Außerdem äußert sich der Einfluß des Ziegels auf die Ornamentik noch dahin, daß der Wechsel des Verbandes und die kleineckige Gestalt des Ziegels mit Hülfe verschiedener Farben desselben zu Mustern benutzt werden, welche ganz in der Fläche bleiben oder nur sehr wenig aus derselben hervortreten.

Vergegenwärtigen wir uns den Gesammteindruck gothischer Ziegelbauten im Gegensatze zu den gothischen Hausteinbauten, — vorzugsweise der Kirchen, so wird nicht zu leugnen sein, daß jene das Bild einer häufig sehr ehrwürdigen Einfachheit und Schlichtheit bieten, welches freilich oft genug auch in das der Nüchternheit und Aermlichkeit übergeht. Dies gilt namentlich für das Aeußere der Gebäude. Aber nicht die Rücksicht auf die klimatischen Verhältnisse allein drängte dazu hin, auch die Constructionsprincipien des Ziegelmauerwerks übten Einfluß darauf. — Der Steinblock muß zugehauen werden, ob rechtwinklig und glatt, oder in anderen Formen, verursacht nur weniger oder mehr Mühe und Sorgfalt, die Mauerconstruction erleidet dadurch nur wenig Veränderung. — Im Ziegelmauerwerk treten andere Rücksichten auf. Die Festigkeit der Ziegelmauer beruht wesentlich auf der Regelmäßigkeit des Verbandes. Es muß daher Gelegenheit geboten sein, den Verband zu entwickeln, und dazu gehören größere Mauerflächen und Mauermassen. — Sollen zahlreiche Vor- und Rücksprünge, sollen Schmiegen und Kehlungen angebracht werden, löst das Mauerwerk sich, wie im reichen gothischen Kathedralbau, in lauter Pfeiler auf, so vermag die Ziegelconstruction nur schwer zu folgen, denn ein regelmäßiger Verband ist dann nicht mehr innezuhalten, es sei denn, daß lauter besonders geformte Ziegel zur Anwendung kommen. Deshalb gewahren wir im gothischen Ziegelbau ein sehr bemerkenswerthes Vermeiden der in der Steingothik immer mehr überhandnehmenden Auflösung des Mauerwerks. — Es werden größere Mauerflächen beibehalten, dagegen wird die häufig von Strebepfeiler zu Strebepfeiler reichende Breite der Fenster beschränkt, und die überkräftige Ausbildung der Strebepfeiler selbst, als constructiv nicht mehr erforderlich, verlassen. — Auf gleichem Grunde beruht ferner der Ersatz der der Dachneigung folgenden Giebelschrägung durch ein treppenförmiges Außteigen der Giebelmauer, wobei der rechte Winkel beibehalten wird, denn für schiefwinklige Endigungen eignet sich der auf der rechtwinkligen Ziegelform beruhende Ziegelverband nur sehr wenig. — Es begründet dies außerdem wieder ein größeres Vorherrschen der Horizontallinie, und damit ein weiteres Moment in dem Gegensatze des gothischen Ziegelbaues zum gothischen Steinbau.

Allerdings ging dieser Unterschied einigermaaßen wieder verloren, als mit dem steigenden Wohlstande auch das Bedürfniß reicherer Baugestaltung erwachte. Dies geschah in derselben Zeit, als die gothische Bauweise bereits den Zug in das Krause und Bunte, Ueberladene und Spielende genommen hatte, und diese Richtung übertrug sich auch auf die Ziegelarchitektur und zwang sie zu Leistungen, durch welche bereits der Natur des Backsteins Zwang angethan wurde. — Am Aeußeren der Gebäude machte sich das Bedürfniß größeren Reichthums zunächst in einer vielgestaltigeren Ausbildung der Mauerflächen geltend. Reliefplatten, ganz oder theilweise glasirt, wurden den Ziegelschichten vorgesetzt; aber man hielt sich damit doch in gemessenen Schranken; nur einzelne Friese unter dem Schutze vortretender Gesimse werden aus solchen Thontafeln hergestellt, im Uebrigen blieb man dem Ziegelverbande treu und dehnte die Verblendung nicht zu einer vollständigen Incrustation der Mauerflächen aus, wie dies in Venedig mit Marmorplatten geschah. — Dagegen suchte man das reiche Fialen-, Gallerie- und Giebelwerk der Steingothik in die Backsteinarchitektur zu übersetzen und erreichte dadurch überraschende Resultate (Katharinenkirche in Brandenburg, verschiedene Privathäuser in Stralsund, Danzig etc.). Aber der umgestaltende Einfluß des Materials war auch hierbei nicht zu überwinden. —

Wie frei durchbrochen, wie luftig kühn aufsteigend die Giebel und Gallerien auch erscheinen mögen, eine gewisse Aermlichkeit und Eintönigkeit der Formen im Gegensatze zu den prächtigen Architekturen der westdeutschen Steinbauten kann doch nicht weggeleugnet werden. — Material und Klima bieten einer freien Gestaltung so viel Hindernisse, daß man sich überall mit Vereinfachungen der aus der Steingothik entlehnten Formen begnügen muß. Die Kantenblumen der Wimberge bleiben unausgebildet, erscheinen gewöhnlich nur in unentwickelter Knospenform, den Fialenriesen fehlen die Kreuzblumen, pflanzliches und figürliches Ornament wird überhaupt sehr sparsam verwendet, mathematisch construirte Reliefmuster nehmen fast alle ornamentirten Flächen ein und zeigen überall die specielle Beziehung zur Construction, die Abhängigkeit vom Formate des Ziegels. — Dies gilt ebenso von dem durchbrochenen Maaßwerke der Fenster, welches der lebendig bewegten ProfiIirung der Hausteinconstruction entbehrt und durch Reichthum der Linienverschränkung diesen Mangel nicht zu ersetzen vermag; — denn auch die Figuren des Maaßwerks bleiben zu klein, zu abhängig von der Größe des einzelnen Formsteines. — Dieselben Maaßwerke werden reliefartig zur Belebung größerer Mauerflächen verwendet und bringen hier häufig eine reiche Wirkung hervor. — Aber die Zahl der Verzierungsmotive ist eine zu geringe, es gelingt nicht, die starren Mauermassen damit gleichsam in Fluß zu bringen, die Ornamentik bleibt monoton und auch das bunte Spiel der wechselnden farbigen Schichten und Streifen verdeckt nur dürftig den Mangel an plastischer Entwickelung. Im Totaleindruck läßt sich nicht verwischen, daß die Architekturformen nicht ursprünglich für den Ziegel gedacht und gebildet sind, man fühlt zu sehr heraus, daß sie dem fremden Material nur aufgedrungen wurden und dabei viel Einbuße in ihrer Ausgestaltung erlitten haben.

Ein anderes Bild entfaltet sich, wenn wir in das Innere der gothischen Ziegelkirchen eintreten. Die Einfachheit des Aeußeren verleugnet sich auch hier nicht, die hohen frei stehenden Pfeiler zwischen den gleich hohen Schiffen sind nur wenig gegliedert, sie steigen oft in einfacher Achtecksform auf oder sind von schlichtgeformten Diensten begleitet. — Die Dienste an der Wand entsprechen dieser Einfachheit oder fehlen ganz und die Gewölberippen entspringen auf Kragsteinen, die aus der platten Wand hervortreten. — Die Fenster nehmen bei Weitem nicht die volle Breite der Schildbogen ein, wie sich dies an den reichen gothischen Steinbauten (nicht zum Vortheil einer würdigen Gesammtwirkung) so häufig findet. — Gerade in der Einfachheit der Formen, in dem Wohlverhältniß der Breiten und Höhen, in dem Vorherrschen der Wandflächen und in deren beruhigendem Gegensatze gegen die hochgespannten Gewölbe gewähren die gothischen Ziegelkirchen einen überaus wohlthuenden feierlichen Eindruck, welchen man dem einfachen und doch mächtig eindringenden Choralgesange der protestantischen Gemeinde vergleichen möchte. — Der spielende Ueberfluß, das zerstreuende bunte Ineinander von Formen und Farben ist beseitigt, aber die ernste Empfindung frommer Andacht steigt unwiderstehlich von den hohen Gewölben hernieder, um sich in die Brust des Eintretenden zu senken.

Daß solche Wirkung und Gestaltung nicht nothwendig allein im Gefolge des verwendeten Baumaterials auftritt, ist selbstverständlich, denn man kann dieselben Formen eben sowohl im Haustein herstellen, aber es wird nicht zu leugnen sein, daß dem Material ein bedeutender Antheil daran gebührt, indem es durch seine Eigenthümlichkeiten zu solcher Gestaltung Anlaß gab. — Gehen wir auf Betrachtung des Einzelnen näher ein, so sehen wir namentlich im Gewölbe den Ziegel wieder auf seinem ihm eigenthümlich zugehörigen Felde. — Die hochbusigen Kreuzgewölbe lassen sich am leichtesten aus Ziegeln herstellen, man sollte daher meinen, daß wenn auch die gesammte übrige Formenbildung der gothischen Bauweise das Gepräge ihrer Entstehung aus der Hausteintechnik trägt, doch das gothische Gewölbe aus der Backsteinconstruction entwickelt sein müßte. — Das ist aber nicht der Fall. Gerade das hervorragend Charakteristische des gothischen Gewölbes, die Gurte und Grate, das ganze Rippensystem, stammt wieder aus der Hausteinconstruction und ist für die Backsteinwölbung construetiv vollständig entbehrlich. — Die Gurte und Grate lassen sich nur gezwungen aus Ziegeln herstellen, sie erscheinen sehr oft verdrückt und entbehren des ruhigen Flusses der regelmäßigen Bogenlinie. Die Kappen darüber aber stehen gewöhnlich ganz außer allem Zusammenhange und Verbande mit dem Rippenwerke. — Letzteres ist frei unter dem Gewölbe angebracht, während die Kappen in sich geschlossen die zu sammenhängende Gewölbefläche bilden. —

Im Uebrigen zeigt das Innere der Kirchen in geringerem Maaße den Einfluß des Materials, denn meistens wird das Mauerwerk unter einer Putzdecke verborgen. Der Charakter der Ziegelarchitektur kommt daher vorzugsweise am Aeußeren der Gebäude zur Geltung. — Behalten wir die gesammte Erscheinung der norddeutschen Ziegelbauten aber im Auge, so werden wir uns sagen müssen, so Schönes, Tüchtiges und Vortreffliches in dieser Bauweise auch geschaffen ist, soviel Phantasie und Scharßinn auch thätig gewesen sind, um die Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden, welche die Kleinheit des einzelnen Bausteines in den Weg legte, in wie wohlthuender Harmonie an vielen Bauwerken die Massen geordnet und die Maaßverhältnisse auf das Glücklichste geregelt sind, daß ohne die Hausteinbauten dieses Styles die gothische Ziegelarchitektur allein uns ein durchaus unvollkommenes und schiefes Bild von dem Wesen des gothischen Baues geben würde, keineswegs dazu angethan, die Begeisterung zu erregen, mit welcher der üppig wuchernde, fast überreiche gothische Steinbau die Phantasie des Beschauers aufregt. — Die Natur des Materials drängte eben dazu, ein in sich fest zusammengezogenes gegen die Außenwelt sich spröde abschließendes Werk hinzustellen, nicht unähnlich dem äußerlich kalten, verschlossenen, schwer zu gänglichen, aber kräftig-biederen und im Herzen treuen und innigen Wesen des Bewohners der norddeutschen Ebene. —

Die Entwickelung des Backsteinbaues in geschichtlicher Beziehung.

WEITER   ZURÜCK

f. Die italienische Backsteinarchitektur.

Ein anderes Bild der Kunstentfaltung entrollt sich vor uns, wenn wir den Blick südwärts richten nach dem Lande, welches der letzte Schauplatz antiker Größe und Schönheit im Abendlande gewesen war, nach dem Lande, welches von jeher die Sehnsucht der germanischen Völker gefesselt hat. — Zwar das Volk der Römer war verkommen und entartet; widerstandslos sah es die Stürme barbarischer Völker immer wieder von Neuem über sich hinfluthen, seine ererbten Schätze rauben, welche die Jahrhunderte dauernde Beherrschung und Aussaugung der Welt im Uebermaaße zusammengehäuft hatte, seine Tempel und Paläste, seine Bilder und Statuen zerstören. — Aber es erwuchs allgemach dennoch ein neues Geschlecht aus der Mischung der Altangesessenen und der fremden Eroberer, aus antiker Bildung und germanischer Urkraft. — Unter dem Schutze der nicht zu ertödtenden, auch die rohen aber bildungsfähigen Eroberer beherrschenden Formen altrömischen Lebens, begünstigt durch den sittigenden Einfluß der mehr und mehr erstarkenden Kirche entstanden in Italien zuerst unter den neugebildeten Staaten des Abendlandes wieder geordnete Zustände, erhoben sich die Bewohner zu Wohlstand und Bildung, erblühten Wissenschaft und Kunst. —

War Rom selbst auch tief gesunken, großentheils nur von verkommenem Gesindel bewohnt, so hatten sich doch andere Städte bereits in den ersten Jahrhunderten nach dem Untergange des römischen Reiches emporgerafft, ein neues, reiches, frisches Leben erblühte namentlich in den oberitalienischen Städten, wo das Volk, stärker vermischt mit germanischem Blute, in eigenartiger Kraft neuen Zielen der Bildung zustrebte. — Als Erbtheil der klassischen Zeiten hatte sich im Volke ein lebhafter, feuriger Sinn für das Schöne und ein hervorragendes Geschick für bildende Kunst erhalten; beide bethätigten sich nach Jahrhunderten trauriger Verkommenheit dennoch wieder in reichen, köstlichen Kunstschöpfungen und ihnen verdankt auch der Backsteinbau eine neue Phase der Entwickelung. — So viel freie Städte und Gemeinwesen emporkamen, so viele Brennpunkte der Kunst entstanden; und neben Florenz und Venedig waren es nicht zum Wenigsten die reichen Städte der oberitalischen Ebene, welche den Po begleitet und sich dann östlich vom Apenin an der Adria hinzieht, waren es Mailand, Pavia, Piacenza, Cremona, Mantua, Verona, Padua, Ferrara, Modena, Bologna, Faenza, Ravenna, Rimini und viele andere Städte, in denen die Kunst neue und herrliche Blüthen trieb. — Hier in der fruchtbaren Ebene war der Ziegel das hauptsächlichste, von der Natur dargehotene Baumaterial; aber darin allein lag nicht die Veranlassung zu einer so hohen Entwickelung der Backsteinarchitektur, denn nirgends sind die an trefflichen Bausteinen reichen Gebirge so weit entfernt, daß man nicht Haustein wenigstens zur Verblendung, sowie zu Gesimsen und Säulen hätte herbeischaffen können. — Die Ursache lag in Anderem.

Ein hervorstechender Charakterzug der Italiener des Mittelalters zeigt sich in ihrer feurigen, leidenschaftlichen Liebe zur Vaterstadt. Die Heimath mit den Namen berühmter Männer, die ihr durch Geburt oder Wirksamkeit angehören, seien es Heilige, Helden, Gelehrte, Künstler, zu schmücken, — ihre Stadt mit Kunst- und Bauwerken von hervorragender Bedeutung zu verherrlichen, war den Stadtbehörden wie jedem einzelnen Bürger Pflicht und Freude, Gemeinden und Familien, Adelsgeschlechter wie Zunftgenossen brachten die größten Opfer, selbst bis zur Erschöpfung, um diesem Drange genug zu thun. — Wenn die reichsten Städte mit Gold und kostbaren geschliffenen Steinen prunkten, wie Venedig, oder in gewaltigen Riesenbauten ihre Bedeutung zu zeigen suchten, wie das mächtige Florenz, so trachteten die Städte, deren Mittel nicht ausreichend waren, um es diesen gleich zu thun, danach, wenigstens intensiv durch den Kunstwerth sich ihnen gleich zu stellen, und überboten darin häufig genug ihre stolzen, reichen und mächtigen Nebenbuhlerinnen. — Für diesen Zweck aber bot sich in dem vorzüglichen aber weniger kostbaren Backsteinmaterial ein sehr willkommenes Mittel dar, und wenn die Backsteinarchitektur in Italien zu einer so hohen Ausbildung gelangte, wie wohl nie vorher, so hat die feurige Liebe des Italieners zur Vaterstadt, die Ruhmbegierde desselben für seine Heimath nicht den kleinsten Antheil daran.

Die Entwickelung der Architektur ging in Italien andere Bahnen, als im germanischen Norden. — Man hatte in Bezug auf die Kunstformen keine Tabula rasa vor sich, auf welcher die nothwendigen Formen ganz neu gebildet werden mußten. — Eine uralte Tradition gab sichere Anhaltspunkte für die Neugestaltung. So viele Denkmäler auch in den Völkerstürmen vernichtet waren, so blieb doch noch genug übrig, um auf die nachlebenden Geschlechter, die unter den Ruinen wandelten, noch mächtig einzuwirken. — Der Sinn für die Schönheit der antiken Formen starb nie aus oder wurde immer wieder von Neuem erweckt, zu jeder Zeit war man begeistert für die vollendete Wohlgestalt der antiken Säule, die man in zahllosen Exemplaren aus dem Schutte der Ruinen hervorholte, um sie zu neuen Bauwerken zu verwenden. — Zwar paßten die nach dem hellenischen Canon gebildeten Bautheile nicht zu den neu erstehenden romanischen Raumformen, es bestand ein innerer Widerspruch zwischen antikem Gebälk und romanischen Gewölben; — aber diesen Widerspruch empfand man nicht als solchen; schon die römische Architektur war daran gewöhnt gewesen, die hellenischen Gebälkformen nur als einen decorativen Schmuck großer Mauermassen zu behandeln. In diesem Sinne fuhr man fort, und bildete sich dabei auch kein specifisch neuer Baustyl, blieb die Phantasie auch unter dem Banne der Tradition, so wurde doch das Verständniß für die Schönheit der antiken Bauformen um so lebendiger erhalten. — Für die Decoration trat ein neues Moment hinzu, das Streben nach malerischer Wirkung, welches vorzugsweise in Bekleidungen der Wände mit farbigen Steinen in geometrischen Mustern sich kundgab, eine Weise, welche in Venedig zum prunkvollsten Luxus ausartete.

Diese Hinneigung zum Malerischen fand reiche Nahrung besonders im Backsteinbau, welcher durch die bei der Fabrikation des Ziegels herstellbare Mehrfarbigkeit wie in dem Schema des Verbandes zu einer mosaikartigen Behandlung der Mauerflächen einlud. — Außerdem aber wirkte auf die eigenthümliche Ausbildung der Backsteinarchitektur günstig, was auf den ersten Blick sie zu erschweren schien: die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, das antike Formenschema im Backsteinbau durchzuführen. — Denn Säulen und horizontale Gebälke ebenso wie Pilaster und korinthisirende Archivolten vertrugen sich schlecht mit der Ziegelconstruction. — Man war daher von vornherein auf ein unabhängig von der antiken Tradition sich gestaltendes Formensystem angewiesen und sah sich so durch den Einfluß des Materials in neue Bahnen gewiesen. — Dies mag auch die Veranlassung gewesen sein, daß das Gothische leichter im Backsteinbau der oberitalischen Ebene Eingang fand und sich hier ganz besonders festsetzte. — Aber es war doch eine ganz andere Gothik, als die, welche sich in Frankreich entwickelt hatte, welche in Deutschland zur Blüthe kam. —

Von der Symbolisirung des religiösen Spiritualismus, der die Sinnesrichtung in den germanischen Ländern bezeichnet, kann bei der italienischen Gothik keine Rede sein; die gothischen Formen wurden nach ihrer kunstsymbolischen Bedeutung in Italien nicht verstanden, die Begeisterung für die zum Himmel strebende, in den Wolken verschwindende, gleichsam sich selbst aushauchende Thurmpyramide blieb dem Italiener unverständlich, der die kirchlichen Formen und Ceremonien zwar aus alter Gewohnheit übt, sie auch wie ein altes Erbstück liebt und hochschätzt, aber mit dem Fliehen des Irdischen es nicht so ernst meint. — Die gütige Mutter Erde bietet dem Sohne des fruchtbaren Landes unter den glücklichsten klimatischen Verhältnissen so viel des frohen Genusses, ohne schwere Anstrengungen und Entbehrungen als Preis ihrer Gaben zu verlangen, daß er ein Bedürfniß, sich in die Freuden eines erhofften Jenseits zu träumen, in mystischen Formen zu schwärmen, weder kennt noch versteht. — Die hohen überschlanken Verhältnisse des gothischen Kirchenschiffes harmonirten daher mit seiner Gemüthsstimmung ebenso wenig, wie die Auflösung der Wände in magisch durchleuchtete, in einem geheimnißvollen Zauber von Licht und Aether schwimmende Glasbilder. — Er mag der schattenden Wände, des weitragenden Dachrandes nicht entbehren, er liebt eine Ausbildung der Bauformen, durch welche das Bauwerk enger an die feste Erde gebunden, schärfer gegen Wolken und Himmel abgegrenzt erscheint.

Hauptsächlich als Constructionsform kam der gothische Styl nach Italien, als eine besondere Form des gewölbten Langschiffbaues, aber Plan und Aufbau mußten sich bald den italienischen Bedürfnissen anbequemen. — Die enge Pfeilerstellung wurde erweitert, es entstanden breiträumige Hallen, die Kreuzung weitete sich zum Achteck aus und wurde durch die hochragende Kuppel überspannt, welche auch im Aeußeren so dominirende Stellung gewann, daß schlanke Thürme, in Pyramiden endigend, neben ihr bedeutungslos erscheinen mußten. — So gestalteten alle Verhältnisse sich breiter, die Horizontale gelangte wieder mehr zur Herrschaft, die Spitzhogen werden breiter, nähern sich dem Halbkreise, die Ziergiebel darüber enden in stumpferem Winkel, mit Vorliebe werden Nischen und Bogenöffnungen in längeren Reihen angewandt, der ganze Bau erhält ein mehr heiteres, weniger ernstfeierliches Gepräge. — Außerdem wurde der gesammte symbolisirende Schmuck des nordisch-gothischen Baues mit seinen luftigen Fialenriesen und Ziergiebeln, mit Schwebebögen und Bekrönungsgallerien, Kantenblumen und Kreuzblumen nur in ganz willkürlicher, decorativer Weise übertragen, als ein buntes, wirkungsvolles, äußerliches Decorationsmittel behandelt; — man verstand eben den tieferen Sinn dieses ganzen Ausschmückungsapparates nicht, — Trotz alledem üben aber die italienisch-gothischen Bauwerke eine durchaus wohlthuende Wirkung aus, und es liegt dies nicht zum Wenigsten darin, daß die italienische Gothik den festen Boden der Realität niemals unter sich verlor, daß sie vor den Ausschreitungen bewahrt blieb, welche die vollständige Ausartung der nordischen Gothik im 15. Jahrhunderte herbeiführte. Auf den breiteren Wandflächen behielten die Schwesterkünste, Plastik und Malerei, vollständig Raum, sich frei zu entfalten, auch bei dem großesten, in verschwenderischer Fülle sich ergehenden Reichthume der Decoration bleibt ihnen vollständig ihr Recht gewahrt.

Wenn diese Charakteristik die gesammte mittelalterliche und speciell gothisirende Baukunst Italiens kennzeichnet, so gilt sie doch ganz vorzugsweise für die Backsteinbauten, und es ist bemerkenswerth, daß hierbei der italienischen Auffassung der gothischen Bauweise die Eigenthümlichkeit des Materials gewissermaaßen entgegenkommt. — Bereits bei Betrachtung der norddeutschen gothischen Ziegelbauten wurde darauf hingewiesen, wie der Ziegelbau aus constructiven Rücksichten zur Beibehaltung größerer Mauerflächen, zum stärkeren Hervorheben der Horizontallinien, zum Vermeiden der luftigen Durchbrechungen Veranlassung gab. — Aehnliche Forderungen wurden an die italienische Bauweise gestellt, aber nicht vorzugsweise aus construetiven Veranlassungen (denn der mildere italienische Winter wirkt viel weniger zerstörend), sondern weil Gewohnheit und Herkommen es so verlangten, weil eine derartige Baugestaltung der Gewohnheit, dem Herkommen, der allgemeinen Empfindung des Volkes entsprach, nicht blos an Backsteinbauten, sondern überhaupt an allen Bauwerken. — So wirkten verschiedene Ursachen bei ganz verschiedener Sinnesart der Völker auf ähnliche Auffassungen in der Kunstgestaltung hin. — Einige andere Umstände traten aber noch hinzu, um die italienische Weise des Backsteinbaues formenreicher und belebter zu gestalten. — Es ist dies zunächst die größere Gunst des Klimas, welche die Beschränkung auf die kleinen Formen des Vollziegels nicht zur Nothwendigkeit machte, sondern die Anwendung hohl geformter Baustücke gestattete. — Wenn man in Bezug auf die Größe der einzelnen Baustücke dabei immerhin auch noch vielen Beschränkungen unterworfen blieb, so trat die gesammte Formengebung derjenigen aus Haustein doch näher, der Umkreis der herstellbaren Formen wurde bedeutend erweitert, die Phantasie des Architekten konnte sich in freieren Bahnen bewegen, sah sich weniger eingeschränkt in die Fesseln eines enge Grenzen ziehenden Materials.

Ein anderer günstig wirkender Umstand ist mehr ideeller Natur; es ist der angeborene Kunst- und Formensinn des Italieners, das Erbtheil des Blutes aus einer untergegangenen Epoche, welches den Enkeln geblieben war, welches die Hand des werkthätigen Künstlers führte und in jedem Einzelnen des Volkes sich als Freude an der schönen Form kundgab. Unter diesen Einflüssen, zu denen noch hinzutrat, daß das Volk durch das Anschauen der antiken Baureste an den Anblick schöner Formen gewöhnt war und daraus eine urbewußte Reife des Urtheils schöpfte, bildete sich eine Backsteinarchitektur von höchster Feinheit und von höchstem Reichthum aus. Kirchliche und Profanarchitektur sind in Italien niemals so streng gesondert gewesen, wie im germanischen Norden, dieselben Formen wurden an Kirchen, wie an Staatsgebäuden und Privatpalästen verwendet, vorzugsweise aber blühte die Backsteinarchitektur an den städtischen, öffentlichen und Privatgebäuden. — Das bildsame Material führte zu einer Lebendigkeit und zu einem Reichthum der Formen, die man in der Steinarchitektur nicht kannte, die Bogenlaibungen der Thüren und Fenster, wie zahlreicher Figurennischen, die Friese und Gesimse treten in einer bewundernswerthen Feinheit und Zierlichkeit, Vielgestaltigkeit und Ueppigkeit auf, welche durch die im Materiale liegende Nothwendigkeit, die Größe der Einzelformen in gewissen Grenzen zu halten, nur noch gesteigert wurde. — Manche Palastfassaden und Säulenhöfe wirken geradezu berauschend; ihren Werth erkannten und verstanden die Italiener wohl, sie waren stolz auf ihre Werke und rühmten sie laut vor aller Welt, ehrten und rühmten ebenso die Künstler, welche sie geschaffen hatten.

Die gothische Weise hatte im Backsteiubau so festen Fuß gefaßt, daß, als von Florenz aus mit Brunelleschi's großer That die gewaltige Umwälzung der Renaissauce ausging und bald ganz Italien ergriff, die Backsteingegenden lange und hartnäckig widerstanden, indem sie an ihrer gothischen Weise mit großer Zähigkeit festhielten. Dies mag indessen auch dadurch begründet gewesen sein, daß die Renaissance bei ihrem ersten Auftreten sich in so wuchtige, schwere Formen kleidete, daß nur der Haustein, nicht aber der Backstein ihr folgen konnte. — Aber gleichzeitig mit dem Erwachen der neuen Kunst- und Bauweise begab sich eine vollständige Umwandelung aller Lebensformen; dieser vermochte auf die Dauer Nichts zu widerstehen, auch der Backsteinbau nicht, und derselbe übte schließlich seinerseits eine sehr wesentliche und wohlthuende Rückwirkung auf die Formenbildung der Architektur aus.

Ein wesentliches Moment in der Architektur der Renaissance bestand in der Wiederbelebung der antiken Formen, in der strengen und ausschließlichen Anwendung derselben unter bewußter Verzichtleistung auf eigene Erfindung neuer Bildungen. Denn die Schönheit der antiken Formen galt als eine so absolute, war so allgemein anerkannt, daß die eigene Erfindung von Schönerem und Besserem für unmöglich erachtet wurde. — Da man aber für das moderne Bedürfnis nicht antike Gebäude in ihrer Gesammtgestaltung reproduciren konnte, so mußte man sich darauf beschränken, das alte Formenschema den neuen Raumbedürfnissen anzupassen. — Da nun aber das Backsteinmaterial einer treuen Nachbildung der antiken Formen die größten Schwierigkeiten entgegenstellt — wie dies weiter unten näher entwickelt werden soll, — so ist die Scheu, auch die Formenbildung der Backsteingesimse in die Fesseln des Schemas der antiken Säulenordnungen zu zwängen, wohl sehr erklärlich. Nachdem aber der Versuch erst einmal gemacht war, auch für den Backsteinbau die strengeren antiken Formen in Anwendung zu bringen, da gestalteten die Umstände sich bald anders. — Denn in wie geistvoller Weise, mit welch feinem Sinne die Umdeutung der antiken Schemata für die neuen Bedürfnisse auch vielfältig bewirkt worden ist. — wie viel Neues und Originales trotz der Selbstbeschränkung in Bezug auf Fonmenerfindung auch geschaffen wurde, so blieb doch mit dieser Methode immer die Gefahr verbunden, in ein mechanisches, geistloses Copiren der antiken Säulenordnungen zu verfallen, insbesondere, da man deren innere Bedeutung nicht verstand, vielmehr nur die daran haftende Formenschönheit, wie die edlen Verhältnisse empfand und bewunderte. —

Ueber diese Gefahr aber hob wieder die Backsteinarchitektur hinweg. Indem sie eine stricte Nachbildung der antiken Formen und Verhältnisse eben nicht gestattete, veranlaßte sie den Architekten, von der strengen formalen Regel der Schule abzuweichen, eigener Erfindung wieder größeren Raum zu geben und danach zu streben, im Geiste der antiken Formenbildung, nicht nach deren todtem Schema zu arbeiten. — Nun bethätigten sich gerade die geistvollsten und strebsamsten Architekten gern im Backsteinbau, und es entstanden die herrlichsten Werke, durch und durch gesättigt in Schönheit der Verhältnisse, in Reichthum der Erfindung, im Schwunge der Begeisterung. — Es darf nur an die Backsteinhofe der Certosa bei Pavia, an Klosterhofe in Mailand, Bologna, Ferrara u.s.w. erinnert werden. Die feinen, zierlichen Formen des Backsteinbaues, die als Repräsentanten weiblicher Anmuth und Zartheit gelten können, übten sodann auf die fernere Ausbildung der Renaissance-Architektur überhaupt noch einen weiteren, bedeutungsvollen Einfluß aus. — Sie standen in vollem Gegensatze zu dem von Florenz ausgegangenen Bausysteme, welches in der Rustica-Fassade mit ihrer gewaltigen, großartigen Einfachheit die höchste, stolzeste Manneswürde darstellt. — Zwischen beiden Extremen mußte eine Vermittelung gesucht werden — wie im Alterthum zwischen ionischer und dorischer Bauweise — und sie wurde gefunden. — Der größeste Meister der Renaissance-Architektur, Bramante, verlebte seine Jugendzeit in den Gegenden, welche vorherrschend den Backsteinbau cultivirten; er erwuchs zum Meister in der Uebung der Backsteinbauformen und er componirte Anfangs vorzugsweise für Backsteinbau. — Die zierlichen, feinen, reinen Formen dieser Bauweise, welche ihm geläufig waren, wirkten fort und halfen die Formen schaffen, welche durch Bramante's Beispiel mustergültig wurden, als er, nach Rom übergesiedelt, seine Kraft den höchsten Aufgaben widmen durfte, welche einem Architekten je gestellt wurden. — Auf diesem Wege übte die Backsteinarchitektur einen bedeutenden Einfluß auf die architektonische Composition überhaupt aus und wurde auch für die Architektur in Stein zu einem wesentlich mitwirkenden Elemente, um die architektonische Production zur vollendet schönen Erscheinung zu führen.

Die Entwickelung des Backsteinbaues in geschichtlicher Beziehung.

WEITER   ZURÜCK

g. Die Backsteinarchitektur der Neuzeit.

Die Cultur und Kunst der Renaissance, welche im 15ten Jahrhunderte in Italien aufblühte und in glänzendem Triumphzuge durch die ganze gebildete Welt wanderte, hat während dreier Jahrhunderte ihren Kreislauf räumlich und zeitlich vollendet. — Aus den Anschaunngen und Gedanken, auf welchen sie beruhte, wurde eine reiche Fülle des Neuen, Tüchtigen und Schönen geschaffen; aber zahlreiche Verirrungen legen ebenso auch Zeuguiß davon ab, daß der Gedanken- und Ideenkreis, aus welchem diese neue Culturentwickelung erwachsen war, bei Weitem noch nicht die volle Wahrheit erfaßt hatte.

Eine neue Welt ist seitdem erstanden, das ganze Leben ist größer und weiter geworden, aber es ist derselbe Geist der Freiheit, welcher jetzt wie damals wirkte. — Damals ergriff er nur die bevorzugte Klasse der Gebildeten, gegen wärtigdurchdringt er völlig die Völker. — Im gesammten Leben wiederholen sich die Vorgänge jener Zeit aber in weiterer Ausdehnung und in intensiverer Weise. — Auch die Kunst ist eine Kunst der Renaissance geblieben. Ebenso kräftig, wie vor 400 Jahren, wirken heute Kunst und Leben des klassischen Alterthums auf unsere Kunst und unser Leben ein. Aber das Verständniß Beider hat sich ganz anders, tiefer und freier gestaltet. — Das Studium der Kunstwerke des Alterthums hat uns die Schönheit der hellenischen Plastik und Architektur erschlossen, während diese dem 15. und 16. Jahrhunderte unverständlich geblieben war. Jetzt erst haben sich unserer Erkenntniß die Pforten der reinen, der absoluten Schönheit aufgethan, und gesättigt mit diesen Anschaunngen ist unsere Zeit an die Gestaltung einer neuen Kunst der Renaissance gegangen, deren Aufgaben weiter, deren Ziele höher sind, als die der italienischen Renaissance, so viel größer und höher, als die Ziele unserer gesammten modernen Cultur diejenigen der Cultur im 15. und I6. Jahrhunderte überragen.

Die Architektur ist unter den Schwesterkünsten nicht zurückgeblieben, aber ihr Weg ist der weiteste, ihre Aufgabe wohl die schwierigste, denn in ihr sind die durch Tradition überkommenen und nothwendig zu vermittelnden Gegensätze am größesten. Sowohl die hellenischen, als die gothischen Formen waren in den Bereich ihrer Thätigkeit zu ziehen, die Vorstufe des Eklekticismus, welche der freien Neuschöpfung unvermeidbar vorhergeht, wurde deshalb weit ausgedehnt und dauert noch fort. — In ihr nimmt der Backsteinbau eine wichtige Stelle ein, ja er ist von vielen feinsinnigen und schaffensfreudigen Architekten bevorzugt worden; sie fanden einen besonderen Reiz darin, in diesem Materiale zu arbeiten, welches, wie weiterhin näher begründet werden soll, eine von der hergebrachten Regel abweichende Formenbehandlung für sich fordert. — Was in Oberitalien an manchen Stellen der Ortsstolz und die Ruhmessucht der Städte bewirkte, das Festhalten an einem künstlerisch schwieriger zu behandelnden Materiale, auch ohne äußere Nöthigung, das thut in unseren Tagen vielfach das liebevolle Versenken des Künstlers in die ihm gewordene Aufgabe.

Schinkel wurde auch für den Backsteinbau der Bahnbrecher und der Führer auf neuen, noch wenig betretenen Wegen. — Mit der Bauschule in Berlin begann er den Reigen der Backsteingebäude und legte in diesem Bauwerke seine künstlerischen Anschaunngen über das Wesen des Backsteinbaues nieder. — Er schuf ein Musterwerk, in der Construction sowohl wie in ornamentaler Durchbildung, ein Werk von höchster Würde als Ausgangspunkt für eine neue Phase der Entwickelung, welcher wir nunmehr im Speciellen zu folgen haben.

Und diese neue Phase der Entwickelung ist eingetreten. — Der Außchwung, welcher sich im gesammten Leben der europäischen Völker kundgiebt, bethätigt sich ebenfalls auf dem Felde der Architektur, und auf diesem treibt auch die Backsteinarchitektur von Jahr zu Jahr neue und schönere Blüthen. — Auffälligerweise beschränkt sich der Backsteinbau nicht auf die steinarmen Flachländer, denen der Ziegel das einzige von der Natur gebotene Baumaterial ist, sondern er steigt hinauf in die von Felsen umgebenen Thäler, in solche Gegenden, welche guten Werkstein ohne Schwierigkeit in der Nähe zu gewinnen und herbeizuführen gestatten, es darf hierbei nur an Wien, München, Hannover, Wiesbaden erinnert werden. — Freilich sehen wir, begünstigt durch das weitverzweigte Netz der Eisenbahnen, auch den Hausteinbau sich weiter verbreiten, als ehedem, sehen Hausteinfassaden in Berlin, Hamburg etc. erstehen, — dafür aber unterstützt der erleichterte Transport ebensowohl wieder die Backsteinfabrikation, indem die vorzüglichsten Producte derselben in weiter Entfernung von den Thonlagern Verwendung finden. — Auch die Fabrikation der Backsteine wie die Verwendungsweise derselben hat bedeutende Fortschritte gemacht und geht weiterer Vollendung entgegen. — Die Backsteine und Baustücke aus gebranntem Thone werden wetterbeständiger, schärfer und reiner in den Formen, klarer und gleichmäßiger in der Farbe hergestellt, man wird der Farbe selbst mehr und mehr Herr; ebenso gelingt es, größere Stücke mit Sicherheit herzustellen.

Die Art der Verwendung ist eine mannichfaltigere geworden; erscheinen bei einem Bau nur die Wandflächen mit äußerst sauber bearbeiteten Ziegeln ausgesetzt, während Gesimse, Einrahmungen der Oeffnungen, Säulen, Pilaster aus Haustein bestehen, — so zeigen andere Bauausführungen vollständig durchgeführte Backsteinarchitektur entweder mit consequenter Beibehaltung des Vollziegels auch für die Architekturgliederungen oder unter reichlicher Anwendung hohler Baustücke. — Auf den Wechsel der Farben mit oder ohne Unterstützung glasirter Oberflächen wird besonderer Werth gelegt, selbst bis zu vollständiger Inkrustation mit farbigen Thonplatten ist man vorgegangen.

Welchen von diesen Wegen man einzuschlagen habe, darüber sind die Meinungen noch getheilt und schroff stehen sich in manchen Dingen die Ansichten gegenüber. — Der Eine legt das Hauptgewicht auf die materiellen Eigenschaften des Backsteines, welche die Construction des Bauwerks vorzugsweise bedingen, er sucht in den Kunstformen eine ideale Darstellung der Backsteinconstructionen zu geben und erachtet damit die künstlerische Aufgabe des Architekten, im Allgemeinen für abgeschlossen. — Der Andere glaubt mit dem Backsteine gleiche, ja dieselben Wirkungen hervorbringen zu können, wie mit der Architektur in Stein, er imitirt einen Hausteinbau in Backstein, soweit es gehen will, wenn er auch dem Materiale Zwang anthun muß. — Auf welcher Seite die Wahrheit liege, darüber steht die Entscheidung noch offen und muß gesucht werden. Und wenn im Folgenden der Versuch gemacht wird, einige Fingerzeige zu geben, welche auf den richtigen Weg hinweisen, dessen Betreten allein zu einer gedeihlichen Weiterentwickelung unseres gesammten Bauwesens nach seiner künstlerischen Seite hin führen kann, so wird dabei freilich immerhin die Nachsicht der Fachgenossen in Anspruch genommen werden müssen; — aber es dürften solche Betrachtungen doch wesentlich dazu beitragen, die Standpunkte der einzelnen Parteien klar zu stellen, den Weg zu Erreichung des wahren Zieles, nach welchem Alle hinstreben, abzukürzen und ebenso vor Irrwegen zu bewahren. — Andere mögen dem Verfasser nachfolgen, widerlegend und berichtigend, oder ergänzend und bestätigend. — In unserem denkenden Jahrhundert, in welchem auch die Kunst, nicht mehr blos genialen Intuitionen folgend, instinctiv das Rechte erfaßt, sondern aus dem freien Bewußtsein des Künstlers heraus das Wahre und Schöne gestaltet, darf die kritische Betrachtung nicht darauf beschränkt werden, vergangene und vollendete Thatsachen zu beurtheilen, sondern sie darf das Recht beanspruchen, an den großen Werken der Gegenwart, wenn auch nur mittelbar, gestaltend mitzuschaffen.

FORTSETZUNG   ZURÜCK


 zurück Seite ZIEGELFREUNDE START  
Karte Ziegeleien Brandenburg Regionen   Gronenfelder Werkstätten

TEXTE Ziegeleigeschichte:

200 Jahre
Königliche Ziegelei Joachimsthal